Liebe Leser,

mein Name ist Markus Gumbel, und ich habe im Wintersemester 1997/98 das Studium der Medizinischen Informatik in Heilbronn/Heidelberg abgeschlossen. Ich würde es jederzeit wieder absolvieren.

Im Anschluss an die Studienzeit habe ich meinen Schwerpunkt Modellbildung vertieft und am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg in der Abteilung "Medizinische und Biologische Informatik" bei Prof. Meinzer über die Simulation von Zellwachstum und die Analyse von biologischen Wachstumsprozessen promoviert. Nach kurzer Zeit als Postdoc bin ich schließlich in die Industrie gewechselt, um mich wieder stärker auf die reine Softwareentwicklung zu konzentrieren. Um dennoch nicht den Bezug zur Medizin-Informatik zu verlieren, habe ich bei dem Life-Science-Informatik-Unternehmen LION bioscience AG angefangen. Der Begriff Life-Science umreißt alle Vorgänge, die letztlich für die Erforschung neuer Wirkstoffe und die Entwicklung von Arzneimitteln nötig sind. Meine erste Station bei LION war die Entwicklung von Software zur Analyse von multidimensionalen Labordaten in LIONs eigener Wirkstoffforschung. Dabei habe ich in einem Bereich mit etwa 5 Informatikern, 25 Biologen oder Chemikern und 20 Technischen Assistenten gearbeitet. Diese Software wurde anschließend zu einem Produkt weiterentwickelt. Während dieser Zeit wurde mir umso bewusster, wie wichtig die Software-Engineering-Vorlesungen gewesen sind. Viele Dinge in Projekten lassen sich nämlich nicht durch gute Technik allein, sondern nur durch reibungslose Teamarbeit lösen, bei der viel Kommunikation zwischen den Beteiligten nötig ist. Dieses "Social-Engineering" wird in diesem Studiengang durch zahlreiche Praktika ebenfalls vermittelt. Außerdem arbeite ich als so genannter Software-Architekt. Im Gegensatz zum reinen Softwareentwickler planen Architekten große Softwaresysteme lediglich, setzen sie aber nicht um. Dennoch ist dies eine reizvolle Aufgabe, da sehr viele Kenntnisse über alle Gebiete der Informatik und - in meinem Fall - den Naturwissenschaften Voraussetzung sind. Obwohl es die alltägliche Arbeit eigentlich kaum zulässt, ist dennoch Zeit geblieben, mein Buch "Java Standard Libraries" über objektorientierte Datenstrukturen zu schreiben [1]. Außerdem habe ich zum "Handbuch der Medizinischen Informatik" mit einem Kapitel über die Modellierung biologischer Prozesse beigetragen [2].

Nach dem Abitur habe ich zunächst eine Ausbildung zum Datenverarbeitungskaufmann absolviert. Aber schon während der Ausbildung wurde mir klar, dass ich viel mehr an der Informatik interessiert bin als mir durch die Ausbildung vermittelt wurde. Deshalb habe ich nach meinem Zivildienst im April 1993 dieses Studium angefangen. Dabei kam mir sehr zugute, dass dieser Studiengang auch im Sommersemester einen Einstieg ermöglichte - andernfalls hätte ich ein halbes Jahr überbrücken müssen, da mein Zivildienst bereits im März 1993 endete.

Einer der wichtigsten Gründe für Medizinische Informatik war das breite Spektrum des Studieninhalts. Von ehemaligen Schulkameraden, die zuvor ein Studium in reiner Informatik begonnen hatten, wusste ich, dass sie sich in ihrem Studium sehr lange mit sehr trockenen und äußerst theoretischen Dingen beschäftigen mussten. Durch meine Ausbildung war mir aber klar, dass dieses Wissen niemals wieder in der Praxis gebraucht wird. Ein Grund mehr, einen angewandten Universitätsstudiengang zu wählen, der zwar ebenfalls viel Theorie vermittelt, die aber viel breiter gestreut und problemorientierter ist. Ein anderer Beweggrund für Medizinische Informatik war der naturwissenschaftliche Hintergrund. Viele IT-Experten arbeiten später in Branchen, in denen primär große Datenmengen verwaltet, sprich Datenbanken programmiert werden. Das ist für diese Bereiche, z. B. in der Finanzwelt, das A und O, kann aber aus der Sicht eines Vollblut-Informatikers schnell etwas langweilig werden. Denn diese Art der Informatik genügt einigen wenigen Mustern von einfachen Operationen (Einfügen, Anzeigen, Ändern und Löschen von Datensätzen), die sich permanent wiederholen. Die Medizinische Informatik kennt diese Methoden zwar auch, aber nicht ausschließlich. Bei Studienschwerpunkten etwa wie der Signal- und Bildverarbeitung oder zu meiner Zeit der Modellbildung stehen mathematische oder algorithmische Verfahren im Vordergrund. Nicht die Daten selbst, sondern durchaus komplizierte Algorithmen zum Bearbeiten der Daten sind zentraler Bestandteil.

Die Ausstattung der Hochschule war zu meiner Zeit vorbildlich. Sowohl die Bibliothek als auch die Labor- oder Rechnerräume boten für einen techniklastigen Studiengang optimale Bedingungen, die sicherlich vielen Universitäten überlegen waren. Obwohl die beiden Standorte Heidelberg und Heilbronn gut 70 Auto-km auseinander liegen, ist dies kein Nachteil. Ich habe meine Vorlesungen so organisiert, dass ich selten Pendeln musste. Nach dem sechsten Semester bin ich nach Heidelberg umgezogen, da ich keine Vorlesungen mehr in Heilbronn hatte.

Mein jüngstes Projekt bei LION beschäftigt sich mit der Entwicklung chemischer Software. Damit habe ich bisher in den Bereichen Programmierung, Software-Engineering, Medizin, Biologie, und Chemie gearbeitet, die alle von diesem spannenden Studiengang abgedeckt werden. Ich hoffe, dass dieser kurze und zugegeben sehr subjektive Bericht Ihnen geholfen hat, sich für das Studium der Medizinischen Informatik in Heidelberg/Heilbronn zu begeistern.

Eppelheim, Januar 2004

Dr. Markus Gumbel