Studium

Mein Studium der Medizinischen Informatik begann ich im Wintersemester 1992/1993, ohne eine wirkliche Vorstellung von dem zu haben, was mich erwarten würde. Ich hatte lediglich die Hoffnung, mit diesem Studium mein immer schon vorhandenes technisches Interesse mit dem Komplex "Medizin", für den ich mich während meiner Zivildiensttätigkeit als Pflegehelfer in einem Krankenhaus zu interessieren begann, kombinieren zu können. Nach dem Vorstudium war für mich klar, daß ich mich für denjenigen der damals vier Studienschwerpunkte entscheiden würde, der die größte Affinität zur biomedizinischen Technik hat: Biosignal- und Bildverarbeitung. In diesem Bereich habe ich dann auch nach acht Studiensemestern mit der Diplomarbeit begonnen. In enger Zusammenarbeit mit der neurochirurgischen Klinik der Universität Heidelberg war ich mit einer Fragestellung im Bereich der computergestützten Chirurgie befaßt, die mit Methoden der medizinischen Bildverarbeitung zu lösen war. Als ich die Arbeit kurz vor Ende meines zehnten Semesters abgab, hatte ich eine Reihe wertvoller Erfahrungen gemacht, die ein Studium allein nicht vermitteln kann: Das selbständige Erarbeiten eines komplexen Themenbereichs vom ersten Kontakt bis zur Problemlösung, die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzten und Physikern in der Klinik, das Erlernen wissenschaftlicher Arbeitstechniken und nicht zuletzt auch das programmtechnische Realisieren eines relativ umfangreichen Softwareprojekts.

Die Frage, wie es nach Abschluß des Studiums bei mir weitergehen würde, konnte ich glücklicherweise relativ schnell entscheiden. Es ergab sich die Möglichkeit, im Labor für Biosignal- und Bildverarbeitung des Fachbereichs MI eine halbe Projektstelle anzutreten, die thematisch wie schon meine Diplomarbeit im weiten Feld der computergestützten Chirurgie angesiedelt war. Der klinische Projektpartner war dabei wieder die Heidelberger Neurochirurgie. Parallel dazu, mit der zweiten Hälfte meiner Arbeitszeit, wurde ich Assistent im Meßtechniklabor des Fachbereichs, so daß ich in der Summe eine volle Arbeitsstelle hatte.

Promotionsprojekt

Das Projekt, als dessen einziger Mitarbeiter ich angestellt war, bot mir die Möglichkeit zur Promotion. Inhalt des Projekts war es, eine Operationsplanungshilfe für Neurochirurgen, ein computerbasiertes Hirnatlassystem, zu entwerfen, zu implementieren und zu validieren. Dabei konnte ich die während der Diplomarbeit gewonnenen fachlichen Kenntnisse natürlich nützlich einbringen und im Laufe der Zeit umfangreich erweitern. Eine wesentliche neue Erfahrung, die ich in dem Projekt gemacht habe, war das Vertreten der eigenen Arbeit vor (Fach-)Publikum: Schreiben von Artikeln, Vortragen auf Tagungen, Präsentation auf der MEDICA.

Assistententätigkeit

Meine Hauptaufgabe als Assistent war die Betreuung des Meßtechniklabors. Neben der Unterstützung der Studierenden während der Praktikumsübungen gehörten dazu auch Tätigkeiten wie etwa die Wartung der Laborgeräte und das Konzipieren von Praktikumsversuchen. Obwohl die Zusammenarbeit mit den Studierenden im Labor meistens Spaß machte und insbesondere in der ersten Zeit eine neuartige Herausforderung war (eben erst das Studium absolviert, nun plötzlich in der Rolle eines Lehrenden), ist nicht zu leugnen, daß sich nach wenigen Semestern Routine eingestellt hat.

Berufstätigkeit in der "Freien Wirtschaft"

Nach genau fünf Jahren liefen meine beiden befristeten Arbeitsverträge an der Hochschule aus. Inzwischen (2002) war der Neue Markt kollabiert, und die Berufsaussichten für Informatiker waren deutlich schlechter als beim Abschluß meines Studiums (sowohl bezüglich der Anzahl der ausgeschriebenen Stellen als auch bezüglich des zu erwartenden Gehalts). Ich hatte etwa ein halbes Jahr vor Ablauf meiner Verträge begonnen, mich auf Stellen im Bereich der medizinischen Bildverarbeitung zu bewerben (häufig initiativ) und habe schließlich auch ohne Übergangszeit Arbeit bei einer kleinen Spin-Off-Firma der Universität Erlangen gefunden, die Soft- und Hardware-Speziallösungen für die Computertomographie entwickelt. Meine Aufgabe ist die Entwicklung der Ansteuerungssoftware für Mikrocomputertomographen ("Small Animal Imaging"), deren Hardware von meinen Kollegen - Physikern und Ingenieuren - gebaut wird. Drei wichtige Unterschiede gegenüber der Arbeit an der Hochschule sind: Die produktorientierte Arbeitsweise, der große Stellenwert der Qualitätssicherung und die wesentlich stärkere Einbindung in ein Team.

Fazit

Um es vorweg zu nehmen: Ich würde mich nach sechseinhalb Jahren Berufspraxis wieder für ein Studium der Medizinischen Informatik entscheiden, und ich würde unbedingt wieder den Schwerpunkt auf die Signal- und Bildverarbeitung legen. Während des Studiums habe ich die Vielseitigkeit des Curriculums geschätzt, und ich würde auch heute noch dafür eine Lanze brechen, auch wenn ich inzwischen weiß, daß ich manches in meinem Berufsalltag nicht brauche - das breite Spektrum an Lehrinhalten ermöglicht eben eine Spezialisierung in vielfältige Richtungen, und nicht jeder möchte schließlich Biosignale und medizinische Bilder verarbeiten. Neben den Vorlesungen des Studienschwerpunkts sind bzw. waren für mich vor allem wichtig: Mathematik, Elektro- und Meßtechnik, Medizin und Systemprogrammierung. Meine eingangs erwähnte Hoffnung bezüglich des Studiums ging also erfreulicherweise in Erfüllung. Ich würde auch heute noch einmal eine Doktorarbeit schreiben; die in dieser Zeit gemachten Erfahrungen sind für mich so wertvoll, daß ich sie nicht missen möchte. Die Assistentenstelle parallel zur Promotionsstelle war aus wirtschaftlichen Überlegungen notwendig; ohne sie wäre es nicht so einfach gewesen, eine Familie zu gründen. Ich halte die Medizininformatik für eine ziemlich zukunftssichere Disziplin. Der Marktsektor, auf dem sich die Medizininformatik tummelt, das Gesundheitswesen, ist vom Konsumverhalten relativ unabhängig. Aktuelle Sparzwänge sind keineswegs kontraproduktiv, denn wirkungsvolle Einsparungen setzen kompetente Systemanalysen voraus, und der Computer, das Hauptwerkzeug der MI, ist, richtig genutzt, ein bewährtes Mittel zur Effizienzsteigerung. Nicht zuletzt besteht auch beim Thema Qualitätssicherung in allen Bereichen der Medizin noch großer Handlungsbedarf.